Institut für psychoanalytisch-ethnologische Katastrophenforschung

Katastrophen werden umschrieben als Großschadensereignisse, bei denen Menschen verletzt oder getötet werden und die mit den Mitteln der lokal vorhandenen Infrastruktur nicht bewältigt werden können. Gemeinhin wird unterschieden zwischen Natur- und Technikkatastrophen, auch wenn die Sinnhaftigkeit dieser Einteilung von manchen Forschern infrage gestellt wird.

Das Besondere an der Katastrophenforschung ist, dass an ihr eine Vielzahl an natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen beteiligt ist, etwa Geschichte, Geografie, Soziologie, Literaturwissenschaft, Theologie, Psychotraumatologie, Geo- und Ingenieurwissenschaften. Interdisziplinarität wird zwar des Öfteren gefordert, indes seltener realisiert, abgesehen von interdisziplinären Sammelbänden, in denen allerdings die Einzelbeiträge in der Regel nur ein Fach repräsentieren und in sich daher nicht interdisziplinär ausgerichtet sind.

Wünschenswert ist daher eine Zugangsweise, welche gleichzeitig unterschiedliche Perspektiven und den Umstand berücksichtigt, dass sowohl Individuen als auch Kollektive gleichermaßen von Katastrophen betroffen sind. Demzufolge kann eine Kombination aus psychoanalytischen und ethnologischen Zugängen sinnvoll sein, denn dergestalt wird einerseits auf das Individuum fokussiert und andererseits auf die Gruppe. Die Sinnhaftigkeit dessen machen auch Begriffe deutlich, die im Kontext von Katastrophen und biografischen Interviews große Bedeutung haben, nämlich „Vulnerabilität“ und „Resilienz“ sowie „Identität“, denn sie werden von den psychologischen genauso wie von den Sozialwissenschaften in je unterschiedlicher Akzentuierung verwendet.

Psychoanalytisch-ethnologische Katastrophenforschung ist nicht gleichbedeutend mit ethnopsychoanalytischen Zugängen, denn diese möchten mithilfe der Psychoanalyse Kulturen erforschen, während jene durch einen offeneren Horizont charakterisiert ist, indem ein gleichrangiges Miteinander beider Disziplinen angestrebt und dabei auch auf Methoden der ethnologischen Erzählforschung zurückgegriffen wird.

Außerdem wird „Psychoanalyse“ hier in einem erweiterten Sinn verstanden, nämlich, wie es zum Beispiel in der BRD üblich ist, als Synonym für „Psychodynamische Theorien“, womit nicht nur die Lehre Sigmund Freuds samt Weiterentwicklungen gemeint ist, sondern auch die von Alfred Adler und Carl Gustav Jung.

Um sowohl auf individuelle als auch auf kollektive Aspekte die Aufmerksamkeit zu lenken, bieten sich überschaubare Kleingemeinden an, welche von Katastrophen betroffen waren. Der Zeitpunkt des Desasters sollte mehrere Jahre oder einige Jahrzehnte zurückliegen, um genauer zu erfahren, wie vulnerabel oder resilient sich die Einzelnen bzw. das Kollektiv erwiesen haben.

Weitere Informationen unter: „SFU Forschung“ → „Anwendungsbezogene PTW-Forschung“ → Trauma- und Katastrophenforschung

 

Akademische Aktivitäten zur Katastrophenforschung

Lehre:

 

Akademische Abschlussarbeiten

1) Magisterarbeiten:

1.1) Christine Leutner: „Donauhochwasser 2002“ (abgeschlossen)
Leutner Christine 2012: Ethnologische Katastrophenforschung: Donauhochwasser 2002 in Niederösterreich am Beispiel ausgewählter Regionen. Wien, Univ., Dipl.-Arb. Europäische Ethnologie.

Publikation:
Wiedersich (Leutner), Christine 2016: Donauhochwasser 2002 in Niederösterreich am Beispiel ausgewählter Regionen. In: Rieken, Bernd (Hrsg.): Erzählen über Katastrophen. Beiträge aus Deutscher Philologie, Erzählforschung und Psychotherapiewissenschaft. Münster, New York: Waxmann (Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur, Bd. 16), S. 275–283.

1.2) Jaqueline Marylin Vessely: „Absturz des Swissair-Fluges 306 in Dürrenäsch und der Tod von 43 Personen aus dem Dorf Humlikon im Jahre 1963“ (in Arbeit)


2) Dissertationen:

2.1) Brigitte Strohmeier: „Grubenunglück in Lassing/Steiermark 1998“ (in Arbeit)

2.2) Anna Jank: „Sturmflut 1962 auf den Halligen in Nordfriesland“ (in Arbeit)

Bisherige Publikation:
Jank, Anna 2016: Die Sturmflut vom 16./17. Februar 1962 auf den Halligen Nordfrieslands. Ein Beitrag zur ethnologisch-psychoanalytischen Katastrophenforschung. In: Rieken, Bernd (Hrsg.): Erzählen über Katastrophen. Beiträge aus Deutscher Philologie, Erzählforschung und Psychotherapiewissenschaft. Münster, New York: Waxmann (Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur, Bd. 16), S. 241–250.

2.3) Nina Arbesser-Rastburg: „Erdbeben in Los Angeles“ (in Arbeit)


Dissertationen im weiteren inhaltlichen Kontext (Resilienz- und Sicherheitsforschung):

2.4) Andrea Jerković: „Die internationale Gemeinschaft und tertiäre Prävention auf dem Westbalkan: Von Dayton über Brüssel ins Niemandsland? – Der Comprehensive Approach auf dem Prüfstand“. Diss. SFU Wien 2012 (abgeschlossen).

2.5) Florian Fritz: „Resilienz als Planungsgrundlage sicherheitsbezogenen Außenhandelns der EU“. Untersuchung individueller und kollektiver Resilienzfaktoren und Fallstudien der EU-Außen- und Sicherheitspolitik (abgeschlossen)

Publikation:
Fritz, Florian 2014: Resilienz als sicherheitspolitisches Gestaltungsleitbild. Faktoren und Metaphern in Fallbeispielen. Wien, Berlin: Lit (Schriften zur Rechts- und Kriminalsoziologie, Bd. 6).

2.6) Horst Rieger: „Resilienz und Vulnerabilität in Hochrisiko-Institutionen“ (in Arbeit)

bisherige Publikation:
Rieger, Horst 2016: Individuelle Resilienz und Vulnerabilität in High Reliability Organisationen – Vorläufige Ergebnisse einer Studie in der Luftfahrtindustrie. In: SFU Forschungsbulletin, Heft 2, S. 1–16. DOI: 10.15135/2016.4.2.1-16


Betreuung von Abschlussarbeiten

Wenn Sie Interesse daran haben, sich in einer Magisterarbeit oder Dissertation der empirisch-qualitativen Katastrophenforschung zu widmen, können Sie sich gern mit uns in Verbindung setzen. Eine hinreichende Betreuung, auch unter Berücksichtigung der Gegenübertragungsproblematik (Ängste in Zusammenhang mit Feldforschungen etc.), ist gewährleistet. Ferner können auch theoretische Arbeiten verfasst werden.


Forschungspunkte – Research Labs

Es können ECTS-Punkte für kleinere Forschungsarbeiten im Rahmen des Studiums (4. Sem. Bakkalaureatsstudium) erworben werden. Anfragen an Univ.-Ass. Mag. Anna Jank, E-Mail: anna.jankpth@yahoo.de

 

Forschungsprojekte

1) Sturmflutkatastrophen an der friesischen Nordseeküste (abgeschlossen)

Publikationen u.a.:
Rieken, Bernd 2005: „Nordsee ist Mordsee“. Sturmfluten und ihre Bedeutung für die Mentalitätsgeschichte der Friesen. Münster, New York: Waxmann (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Bd. 83; Nordfriisk Instituut, Nr. 186) (zugleich Wien, Univ., Habilitationsschrift Europäische Ethnologie 2004).


2) Lawinenkatastrophe in Galtür 1999
(abgeschlossen)

Publikationen u.a.:
Rieken, Bernd 2010: Schatten über Galtür? Gespräche mit Einheimischen über die Lawine von 1999. Ein Beitrag zur Katastrophenforschung. Münster, New York: Waxmann.
Rieken, Bernd (Hrsg.) 2015: Wie bewältigt man das Unfassbare? Interdisziplinäre Zugänge am Beispiel der Lawinenkatastrophe von Galtür. Münster, New York: Waxmann (Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur, Bd. 10).


3) Die Lawinenkatastrophe von Blons im Großen Walsertal 1954
(in Arbeit)

Bisherige Publikation:
Simon, Michael; Rieken, Bernd 2016: Die Lawinenkatastrophe von Blons im Großen Walsertal anno 1954. Ethnologische und psychoanalytische Zugänge. In: Bernd Rieken (Hrsg.): Erzählen über Katastrophen. Beiträge aus Deutscher Philologie, Erzählforschung und Psychotherapiewissenschaft. Münster, New York: Waxmann (Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur. Schriftenreihe der Sigmund-Freud-Privatuniversi­tät, Bd. 16) , S. 265–274.

 

Tagungen

1) „Erzählen über Katastrophen“, 03.-06.09.2014 im Alpenhotel Gösing, 3221 Gösing an der Mariazellerbahn. Tagung der Kommission für Erzählforschung in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde.

Publikation:
Rieken, Bernd (Hrsg.): Erzählen über Katastrophen. Beiträge aus Deutscher Philologie, Erzählforschung und Psychotherapiewissenschaft. Münster, New York: Waxmann 2016 (Psychotherapiewissenschaft in Forschung, Profession und Kultur. Schriftenreihe der Sigmund-Freud-Privatuniversi­tät, Bd. 16).


2) „Angst in der Katastrophenforschung, -vorsorge und -bewältigung“, 06.06.–09.06.2018 im Alpenhotel Gösing, 3221 Gösing an der Mariazellerbahn. Tagung gemeinsam mit dem Katastrophennetz KatNet, c/o Katastrophenforschungsstelle (KFS), Freie Universität Berlin.

Call for Paper: Angst in der Katastrophenforschung, -vorsorge und -bewältigung, Stand 26.04.2017.pdf

 

Liste der bisherigen Publikationen

siehe:
http://forschung.sfu.ac.at/index.php/forschungsaktivitaten/forschungsprojekte-des-departments-psychotherapiewissenschaft/anwendungsbezogene-psychotherapiewissenschaftliche-forschung/trauma-und-katastrophenforschung/

oder:
https://www.sfu.ac.at/wp-content/uploads/Publikationsliste-Bernd-Rieken_08_2016.pdf

 

Im Internet vorhandene Vorträge und Interviews (Auswahl)

„Die Friesen – Gespräch mit Bernd Rieken“. Radio Bremen: Mare Radio Podcast, 02.06.2011
http://www.podcast.de/episode/2278320/Die+Friesen+-+Gespr%C3%A4ch+mit+Bernd+Rieken/

„Katastrophe und Identität: Individuelle und kollektive Aspekte von Vulnerabilität und Resilienz“. 6. KatNet Tagung 2012
http://web.archive.org/web/20150608213434/http://www.katastrophennetz.de/downloads/resilienztagung2012/KatNet2012Rieken.pdf

„Bedrohte Identität. Katastrophenbewältigung aus psychoanalytischer Sicht“. Ringvorlesung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, WS 2014/15
https://videoonline.edu.lmu.de/de/node/5922

 

Mitarbeiter und Kontakt

Univ.-Prof. DDr. Bernd Rieken, E-Mail: bernd.rieken@sfu.ac.at
Univ.-Ass. Mag. Anna Jank, E-Mail: anna.jankpth@yahoo.de